Kinderpsychiatrie Systemisch
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Reflexionen zur ASK-Tagung: Ressourcen- und Lösungsorientierung in der systemischen Praxis

Reflexionen zur ASK-Tagung: Ressourcen- und Lösungsorientierung in der systemischen Praxis

Jahrestagungen hinterlassen Spuren – nicht nur in den Notizheften der Teilnehmenden, sondern im Denken selbst. Die ASK-Tagung in Göttingen war eine solche Gelegenheit: ein Ort, an dem Praxis und Theorie aufeinandertreffen, an dem Kolleginnen und Kollegen aus Klinik, Forschung und ambulanter Versorgung gemeinsam nachdenken – und sich gegenseitig herausfordern.

Was diese Tagung besonders machte

Das Leitthema Ressourcen- und Lösungsorientierung klingt zunächst vertraut. Wer in der systemischen Kinder- und Jugendpsychiatrie arbeitet, begegnet diesen Begriffen täglich. Und vielleicht liegt genau darin die Gefahr: dass vertraute Konzepte irgendwann zur Formel werden, zu einem Etikett, das man aufklebt, ohne wirklich innezuhalten.

Genau diesem Automatismus trat die Tagung entgegen.

In den Vorträgen und Arbeitsgruppen wurde Ressourcenorientierung nicht als Technik diskutiert, die man anwendet oder eben nicht anwendet, sondern als Haltung – als etwas, das die therapeutische Begegnung von innen heraus prägt. Das ist ein Unterschied, der in der klinischen Realität oft verloren geht, wenn Arbeitsdruck, komplexe Diagnosebilder und institutionelle Anforderungen überwiegen.

Ressourcenorientierung unter Realbedingungen

Ein wiederkehrendes Thema in den Diskussionen war die Frage, wie Ressourcenorientierung unter den Bedingungen einer psychiatrischen Klinik glaubwürdig gelebt werden kann. Die stationäre Kinder- und Jugendpsychiatrie arbeitet mit Patientinnen und Patienten, die sich häufig nicht freiwillig im System befinden, deren Familien unter erheblichem Stress stehen und bei denen diagnostische Klassifikationen nicht wegzudiskutieren sind.

Ressourcenorientierung bedeutet hier nicht, Probleme kleinzureden. Es geht vielmehr darum, im selben Blick, mit dem man Belastungen wahrnimmt, auch nach dem zu suchen, was trägt – in der Familie, im sozialen Netz, in der Biografie des Kindes oder Jugendlichen selbst.

Konkret hieß das in den Falldarstellungen: Welche Momente in der Geschichte dieser Familie waren stabilisierend? Was hat das Kind in Krisen bislang geholfen, auch wenn das von außen nicht immer sichtbar war? Welche Stärken zeigt ein Jugendlicher gerade in den Kontexten, in denen er vermeintlich „gescheitert" ist?

Lösungsorientierung als Zukunftsarbeit

Besondere Aufmerksamkeit erhielt auf der Tagung der lösungsorientierte Ansatz im engeren Sinne – also die Arbeit mit Ausnahmen, mit dem Wunderfrage-Format und mit Skalierungsfragen. Nicht als Rezept, sondern als Einladung, die Aufmerksamkeit zu verschieben.

Was dabei deutlich wurde: Lösungsorientierung ist nicht identisch mit Ressourcenorientierung, auch wenn sich beide Ansätze gut ergänzen. Lösungsorientierung fokussiert stärker auf die Zukunft und auf Veränderung, fragt also nicht nur „Was hat geholfen?", sondern: „Wie würde die Situation aussehen, wenn es besser wäre – und was wäre dann anders?"

Gerade bei Jugendlichen mit komplexen Störungsbildern – Essstörungen, affektiven Erkrankungen, Störungen im Zusammenhang mit traumatischen Erfahrungen – kann diese Verschiebung therapeutisch bedeutsam sein. Sie unterbricht das Gespräch über das Problem und öffnet einen Möglichkeitsraum, der sonst zugebaut bleibt.

Die systemische Perspektive auf das Team

Bemerkenswert war, dass auf der Göttinger Tagung das therapeutische Team selbst in den Blick genommen wurde – nicht nur als Anbieter systemischer Interventionen, sondern als System, das ebenfalls ressourcenorientierter Reflexion bedarf.

Supervision, kollegiale Beratung und Intervision wurden dabei nicht als Luxus diskutiert, den man sich gönnt, wenn Zeit vorhanden ist, sondern als strukturelle Notwendigkeit. Kliniken und Praxen, die systemisch arbeiten wollen, müssen systemisches Denken auch in ihre eigene Organisationskultur einbauen.

Das klingt selbstverständlich. In der Praxis ist es das selten.

Fachlicher Austausch als Qualitätselement

Die ASK-Tagung Göttingen hat einmal mehr gezeigt, dass Fachtagungen dieser Art mehr leisten als Weiterbildung im engeren Sinne. Sie schaffen Reflexionsräume. Sie ermöglichen es, das eigene Handeln zu verlangsamen und aus einer gewissen Distanz zu betrachten.

Die Rückmeldungen aus den Arbeitsgruppen zeigten, dass viele Teilnehmende genau das suchten – nicht primär neue Techniken, sondern Vergewisserung: Mache ich das noch aus den richtigen Gründen? Bin ich noch in Kontakt mit dem, was systemisches Arbeiten eigentlich ausmacht?

Was bleibt

Tagungen enden. Der Alltag beginnt wieder. Die Frage ist, was sich verfestigt – welche Impulse wirklich ins Handeln übergehen und welche in der Hektik des Klinikalltags verblassen.

Eine Antwort, die auf der Tagung mehrfach formuliert wurde: Es hilft, sich kleine, konkrete Vorsätze zu setzen. Nicht „Ich werde ressourcenorientierter arbeiten", sondern „Im nächsten Erstgespräch werde ich gezielt nach Ausnahmen fragen" oder „In der nächsten Teambesprechung werde ich fragen, was gut läuft – bevor wir über Probleme sprechen."

Die Fachgruppe Systemische Kinder- und Jugendpsychotherapie und -psychiatrie der DGSF bietet ergänzend zu solchen Veranstaltungen kontinuierliche Vernetzungsmöglichkeiten für Fachleute, die systemische Ansätze in der psychiatrischen Versorgung von Kindern und Jugendlichen weiterentwickeln wollen.

Die ASK-Tagung hat gezeigt: Ressourcen- und Lösungsorientierung in der systemischen Kinder- und Jugendpsychiatrie ist kein Konzept, das man einmal lernt und dann beherrscht. Es ist eine Praxis, die immer wieder neu angeeignet, überprüft und lebendig gehalten werden muss – am besten in Gemeinschaft mit anderen, die dieselben Fragen stellen.