Kinderpsychiatrie Systemisch
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Internationale Vernetzung: Systemische Kinder- und Jugendpsychiatrie in Europa

Internationale Vernetzung: Systemische Kinder- und Jugendpsychiatrie in Europa

Die Kinder- und Jugendpsychiatrie ist ein Fach, das schon immer von grenzüberschreitendem Austausch lebt. Therapeutische Konzepte entwickeln sich selten isoliert – sie entstehen im Dialog zwischen Kliniken, Forschungsgruppen und Fachverbänden, die in verschiedenen Ländern mit ähnlichen Fragen ringen. Für die systemische Kinder- und Jugendpsychiatrie ist dieser transnationale Austausch nicht nur wünschenswert, sondern strukturell notwendig: Die systemische Therapie ist als Denkrahmen per se relational, und das schließt auch die Organisation ihrer Fachgemeinschaft ein.

EFTA: Das europäische Dach für systemische Praxis

Die European Family Therapy Association (EFTA) ist die bedeutendste supranationale Organisation für systemische Therapie und Familientherapie in Europa. Sie bündelt nationale Fachverbände aus mehr als 25 Ländern – darunter Deutschland, Österreich, die Schweiz, die Niederlande, Großbritannien und viele weitere – und setzt gemeinsame Standards für Ausbildung, Zertifizierung und Forschung.

Für die systemische Kinder- und Jugendpsychiatrie ist die EFTA besonders relevant, weil sie eine inhaltliche Klammer schafft, die über nationale Versorgungsstrukturen hinausgeht. Kongresse und Tagungen der EFTA sind regelmäßig auch für jene Fachkräfte zugänglich, die systemische Methoden im klinischen Setting mit Kindern und Jugendlichen anwenden – und sie bieten eine Plattform, auf der klinische Erfahrungen mit theoretischen Entwicklungen zusammentreffen.

Die DGSF – Deutsche Gesellschaft für Systemische Therapie, Beratung und Familientherapie – ist als nationaler Dachverband Mitglied der EFTA und hält diese Verbindung aktiv aufrecht. Auf ihrer Website findet sich eine hilfreiche Übersicht zur systemischen Familientherapie und ihren europäischen Wurzeln, die den historischen wie institutionellen Rahmen gut veranschaulicht.

EBTA: Europäische Vernetzung im lösungsorientierten Feld

Neben der EFTA existiert mit der European Brief Therapy Association (EBTA) ein weiterer europäischer Verband, der für die systemische Kinder- und Jugendpsychiatrie relevant ist. Die EBTA widmet sich speziell lösungsorientierten und kurzzeittherapeutischen Ansätzen – Methoden, die im ambulanten und stationären kinder- und jugendpsychiatrischen Bereich zunehmend Anwendung finden.

Die EBTA organisiert jährliche Konferenzen, die bewusst international ausgerichtet sind und auch Teilnehmer aus nicht-europäischen Ländern einbeziehen. Für Fachkräfte, die lösungsfokussierte Systemarbeit mit Kindern, Jugendlichen und ihren Familien verbinden, ist die EBTA ein wichtiger Anlaufpunkt für aktuellen Fachdiskurs.

Österreich und die Schweiz: Besonders enge Kooperation

Im deutschsprachigen Raum ist die Zusammenarbeit besonders intensiv. Österreich verfügt über eine gut etablierte systemische Therapieszene mit eigenem Zertifizierungssystem; die Österreichische Arbeitsgemeinschaft für systemische Therapie und systemische Studien (ÖAS) ist seit Jahrzehnten ein wichtiger Akteur. In der Kinder- und Jugendpsychiatrie finden sich dort ähnliche Herausforderungen wie in Deutschland: Die Frage, wie systemische Perspektiven mit psychiatrischen Diagnose- und Behandlungsroutinen verknüpft werden können, beschäftigt Kolleginnen und Kollegen in Wien oder Graz nicht weniger als jene in Berlin oder München.

In der Schweiz ist die Situation durch die föderale Struktur des Gesundheitssystems geprägt. Die Schweizerische Gesellschaft für Systemische Therapie und Beratung (SySt) sowie verschiedene Ausbildungsinstitute pflegen Kontakte in den deutschen Fachraum. Besonders im Bereich der Forschung – etwa zu systemischen Interventionen bei Störungen des Jugendalters oder zur Familienarbeit in der stationären Psychiatrie – entstehen immer wieder gemeinsame Publikationen und Tagungsformate.

Warum dieser Austausch klinisch relevant ist

Man könnte fragen: Wozu braucht eine nationale Arbeitsgemeinschaft internationale Vernetzung? Die Antwort liegt in der Natur des systemischen Ansatzes selbst. Systemische Therapie ist keine Techniksammlung, sondern eine Haltung gegenüber Wirklichkeitskonstruktionen – und diese Haltung schärft sich im Austausch mit anderen. Wenn ein österreichischer Kollege berichtet, wie er mit adoleszenten Patienten mit Substanzstörungen arbeitet, oder wenn eine schweizerische Forscherin neue Befunde zur Wirksamkeit multifamiliärer Arbeit vorstellt, dann ist das unmittelbar klinisch nutzbar.

Hinzu kommt: Diagnostische Klassifikationssysteme wie das ICD-11 werden international erarbeitet. Wer systemische Perspektiven in diese Prozesse einbringen möchte, muss dort präsent sein, wo solche Debatten geführt werden – und das ist selten nur auf nationaler Ebene.

Transnationale Fachkooperation als strukturelle Aufgabe

Internationale Vernetzung geschieht nicht von selbst. Sie erfordert Kapazitäten, Sprachkenntnisse, Reisebereitschaft und institutionelle Unterstützung. Für kleine Fachverbände ist das eine nicht triviale Herausforderung. Gleichzeitig wächst durch digitale Tagungsformate die Möglichkeit, internationale Kontakte mit geringerem Aufwand zu pflegen.

Was bleibt, ist die inhaltliche Überzeugung: Systemische Kinder- und Jugendpsychiatrie braucht den europäischen Blick. Nicht weil nationale Besonderheiten irrelevant wären, sondern weil die Fragen, mit denen Fachkräfte täglich konfrontiert sind – wie helfe ich einem 14-Jährigen, der sich aus allen Beziehungen zurückzieht? Wie binde ich eine zerstrittene Familie in die Behandlung ein? – keine nationalen Grenzen kennen.