Arbeitsgemeinschaft Systemische Kinder- und Jugendpsychiatrie e.V.

 

Stellungnahme zum Gutachten des Wissenschaftlichen Beirats Psychotherapie

über die Systemische Therapie als wissenschaftliches Psychotherapieverfahren


1. Vorbemerkung

In der Arbeitsgemeinschaft Systemische Kinder- und Jugendpsychiatrie (ASK) haben sich Angehörige verschiedener Berufsgruppen zusammengeschlossen, die in kinder- und jugendpsychiatrischen Kliniken und Praxen arbeiten. Sie verfolgen das Ziel, systemische Theorie und Praxis in diesem Arbeitsfeld zu fördern, weil diese Ansätze in besonderem Maße geeignet sind, multifaktorielle Entstehungs- und Verlaufsbedingungen psychischer Störungen von Kindern und Jugendlichen zu erkennen und zu verstehen, in ihren interaktionellen und sozialen Kontext zu stellen und Ressourcen für die Behandlung zu aktivieren und zu nutzen. Die Mitglieder der ASK erfahren daher alltäglich, wie nützlich und unverzichtbar systemische Theorien sowie daraus abgeleitete professionelle Grundhaltungen und therapeutische Möglichkeiten für ihre praktische klinische Tätigkeit sind. Dabei sind systemische Ansätze mit anderen bewährten diagnostischen und therapeutischen Verfahren durchaus kompatibel, sofern einige grundlegende Positionen wie der Respekt vor der Autonomie der Ratsuchenden, die Orientierung an ihren Anliegen und ihren Ressourcen sowie Beziehungsaspekte beachtet werden. Das ablehnende Gutachten des Wissenschaftlichen Beirats Psychotherapie wird der Bedeutung Systemischer Therapie sowohl für die kinder- und jugendpsychiatrische als auch für die allgemeine psychosoziale Versorgungspraxis nicht gerecht und bedarf daher einer Korrektur. Im Einzelnen halten wir die folgenden Argumente für wichtig; wobei wir in Kenntnis der Stellungnahme der Arbeitsgemeinschaft für Systemische Therapie versuchen, Wiederholungen zu vermeiden.


2. Anerkennung der Wissenschaftlichkeit Systemischer Therapie

Die Wissenschaftlichkeit eines therapeutischen Verfahrens ist kein Selbstzweck , sondern ein Kriterium, seine Wirksamkeit zu belegen. Damit soll dafür Sorge getragen werden, dass Patienten vor Scharlatanerie geschützt und ihnen erprobte und wirksame Hilfen nicht vorenthalten werden. Aber selbst wenn man zustimmt, dass eine Veränderung hinsichtlich Symptomen oder Persönlichkeitsmerkmalen, festgestellt durch Prae- Post- Messungen und möglichst kontrolliert gegen Spontanverläufe, ein wichtiges Wirksamkeitskriterium darstellt, stellen sich mehrere Fragen: Ist damit die Nützlichkeit eines Therapieverfahrens ausreichend beschrieben? Unter welchen Bedingungen sind solche kontrollierten Studien möglich und wie kann das Verhältnis zwischen interner und externer Validität angemessen beurteilt werden? Könnte ein Wirksamkeitskriterium nicht auch darin bestehen, zu prüfen, in wiefern das in Frage kommende Verfahren die aus der Psychotherapieforschung bekannten Wirkprinzipien realisiert? Schließlich: Richten sich wissenschaftliches System und handlungsorientiertes therapeutisches System nach den gleichen Leitlinien zur Bewertung eines Therapieverfahrens? Reiter (1995) sieht, der Systemtheorie von Luhmann folgend, erhebliche Unterschiede. Für das therapeutische System sei ein Bewertungsprozess maßgebend, der die Bereiche Innovation, Praxisbezug, weites Anwendungsgebiet und Berücksichtigung des aktuellen Forschungsstandes beinhaltet und im Konzept der klinischen Nützlichkeit zusammengefasst werden kann. Wer soll dann aber die Definitionsmacht haben, zu entscheiden, wonach Wirksamkeit festgestellt wird- der Wissenschaftler alleine, der Praktiker alleine, beide gemeinsam oder gar der Patient? Zusammenfassend: Es ist unbestritten, dass die Zahl kontrollierter Therapiestudien für die Systemische Therapie niedrig ist- für ihre klinische Nützlichkeit sagt dies alleine aber noch nicht viel aus.

Über den Vorwurf des wissenschaftlichen Beirats, die klinische Theorie der Systemischen Therapie sei schwach, kann man geteilter Meinung sein, wie auch das Minderheitenvotum zeigt. Systemische Theorien und damit zusammenhängende anthropologische Vorannahmen führen schlüssig zu einer genuin systemischen therapeutischen Grundhaltung, deren Essentials die Berücksichtigung der Autonomie von Systemen, die Berücksichtigung der Eigendynamik von Systemen, die Berücksichtigung der System- Umwelt, die Veränderung innerer Konstrukte und Wirklichkeitskonstruktionen und den wechselseitigen Bezug zwischen individuellen Problemen und interpersoneller Kommunikation beinhalten (Schiepek 1999). Der Gestaltung der Therapeut-Klient-Beziehung kommt aus dieser Grundhaltung heraus eine entscheidende Bedeutung zu, die konkrete praktische Implikationen für die Durchführung Systemischer Therapien hat. Bei der Umsetzung der Grundhaltung und der therapeutischen Beziehungsgestaltung in konkrete Therapieschritte werden dann in der Tat verschiedenste therapeutische Techniken genutzt, die über das originäre Methodeninventar der Systemischen Therapie hinausreichen. Man kann dies aber gerade als Zeichen der Offenheit und Integrationsfähigkeit Systemischer Therapie bewerten und nicht als Schwäche, wie es der Wissenschaftliche Beirat ohne weitere Begründung getan hat. Und wenn es um eine wissenschaftliche Abwägung und nicht um eine Interessenvertretung geht, müsste fairerweise auch geprüft werden, ob andere, bereits anerkannte Therapieverfahren ihrerseits Ansätze und Techniken der Systemischen Therapie übernommen haben ( u.a. Fragetechniken; Ressourcenorientierung, vgl. Grawe 1999).


3. Stärken der Systemischen Therapie

Die Stärken der Systemischen Therapie lassen sich in den folgenden Punkten zusammenfassen:

- Sie ist ein pragmatisch ausgerichtetes, ressourcenaktivierendes, kurzes und damit ökonomisches Verfahren, das sich am Anliegen des/ der Patienten orientiert, dabei den Kontext und den Beziehungsaspekt des Problems als wesentlich erachtet und eine transparente therapeutische Beziehungsdefinition ermöglicht.

- In ihren therapeutischen Grundannahmen steht sie Konzepten einer allgemeinen Psychotherapie nahe.

- Originär systemische Techniken (beziehungs- und lösungsorientierte Fragetechniken; Reflexionstechniken) sind mittlerweile in der psychosozialen Versorgungspraxis breit verankert. Systemische Ansätze sind für erfahrene Kliniker und Psychotherapeuten attraktiv und werden in großem Umfang genutzt. Sie besitzen somit eine hohe Versorgungsrelevanz und stellen ihre klinische Nützlichkeit eindeutig unter Beweis: Dies sind wegen der eingeschränkten externen Validität vieler kontrollierter Therapiestudien notwendige zusätzliche Beurteilungskriterien.

- Systemische Therapie ist innovativ im Hinblick auf Konzepte der Zirkularität und nichtlinearer Systemdynamiken.

-Systemische Therapie ist auf Grund dieser Stärken eine notwendige und kompatible Ergänzung zu neurobiologischen, verhaltenstherapeutischen und psychoanalytisch begründeten Ansätzen.


4. Ethische Aspekte

Abschließend und die Argumente zusammenfassend soll die Systemische Therapie anhand der Grundprinzipien der biomedizinischen Ethik (Beauchamp und Childress 1994) betrachtet werden:

- Der Respekt vor der Autonomie der Ratsuchenden stellt einen zentralen Aspekt der therapeutischen Grundhaltung in der Systemischen Therapie dar.

- Das Prinzip der Hilfestellung wird durch die Systemische Therapie gewährleistet, weil sie sich in der Praxis bewährt hat und einen Rahmen bietet, in den zu eigenen Methoden auch andere empirisch fundierte Therapietechniken hinzugefügt werden können.

- Unter dem Aspekt der Schadensvermeidung wäre eine Abschätzung möglicher negativer Folgen nötig, wenn ein in der kinderpsychiatrischen und psychosozialen Versorgung bewährtes und von den Patienten akzeptiertes Therapieverfahren nicht mehr zur Verfügung stehen würde.

- Das Prinzip der Gerechtigkeit ist in mehrfacher Hinsicht bedeutsam: zum einen, weil im Vergleich verschiedener um die Zulassung konkurrierender bzw. a priori zugelassener Verfahren die gleichen Beurteilungsmaßstäbe gelten sollten; zum zweiten, weil die Systemische Therapie als effizientes Verfahren Versorgungsengpässe abmildern kann und schließlich, weil für potentielle Nutzer eine Verteilungsgerechtigkeit therapeutischer Ressourcen zu fordern ist, die die Systemische Therapie als Behandlungsoption weiterhin verfügbar halten muss. Die Gründe dafür sind dargelegt.


Literatur:

T.L. Beauchamp, J.F. Childress (1994): Principles of Biomedical Ethics.Oxford University Press, New York, Oxford

K. Grawe, M. Grawe-Berger (1999): Ressourcenaktivierung. Ein primäres Wirkprinzip der Psychotherapie. Psychotherapeut 44, 63-73

L. Reiter (1995): Das Konzept der "Klinischen Nützlichkeit". Zeitschrift für systemische Therapie 13, Heft 3

G. Schiepek (1999): Die Grundlagen der Systemischen Therapie. Theorie- Praxis- Forschung. Vandenhoek und Ruprecht, Göttingen



C. Höger, W. Rotthaus, G. Derichs, G. Geiken, A. Naumann.
Arbeitsgemeinschaft Systemische Kinder- und Jugendpsychiatrie
Horionstr. 14
41749 Viersen
Fax: 02162-965038
E-Mail: w.rotthaus@lvr.de


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